Toxische Arbeitsverhältnisse bei renommierten Indie-Studios

In den letzten Jahren, vermutlich als Nachhall der #metoo Kampagne, konnte man ein verstärktes Aufkommen von Berichten über toxische Verhältnisse in der Videospielindustrie beobachten. In jüngerer Vergangenheit sind es vor allem die großen Publisher Activision Blizzard und Ubisoft gewesen, die unter erheblicher Kritik standen und denen man u.a. vorwarf, eine Kultur „institutionalisierter sexueller Belästigung“ zu ermöglichen und damit auch zu fördern. Bei Ubisoft etwa soll Serge Hascoët, Chief Creative Officer, mehrere Personen sexuell belästigt haben und dieses Verhalten auch bei seinen Mitarbeiter:innen gebilligt haben. Die Human Resources-Chefin Cécile Cornet soll Beschwerden von Betroffenen nicht weiter verfolgt haben und auch Ubisoft-CEO Yves Guillemont soll trotz Kenntnis über diese Vorfälle nicht aktiv dagegen vorgegangen. Ähnlich desaströs fiel die Bilanz für Activision Blizzard aus – Laut einem vielfach rezipierten Bericht des Wall Street Journals wurden 37 Entlassungen im Zusammenhang mit missbräuchlichem Verhalten ausgesprochen, 44 Disziplinarverhalten gegen Mitarbeiter:innen eingeleitet und über 700 Fälle von Fehlverhalten seitens der Mitarbeitenden gemeldet. Nach dem heiklen Bericht stürzte die Activision Blizzard Aktie um 30 % ein und Rufe nach Absetzung von CEO Bobby Kotick wurden laut. Mittlerweile wurde Activision Blizzard von Microsoft geschluckt und Kotick musste im Rahmen der MS-Acquisition zwangsläufig abdanken (allerdings gegen Zahlung einer dankbar hohen Abfindung). Diese beiden großen Skandale schärften das Bewusstsein für die Verfehlungen innerhalb der Branche.

PEOPLE MAKE GAMES BERICHTET ÜBER TOXISCHES ARBEITSKLIMA BEI MOUNTAINS, FULLBRIGHT UND FUNOMENA 

Wie sich nun jüngst herausstellte, ist das nicht nur ein systematisches und strukturelles Problem der Branchengrößen wie eben EA, Ubisoft und Konsorten, sondern etwas, das auch vor Indie-Studios nicht Halt macht. Vor wenigen Tagen hat das Investigativ-Format People Make Games von Ex-Eurogamer Redakteur Chris Bratt und Anni Sayers eine Untersuchung von drei Indie-Studios veröffentlicht, namentlich Mountains (u.a. verantwortlich für „Florence“), Fullbright („Gone Home“, „Tacoma“) sowie Funomena („Wattam“). Die Untersuchung, die von PCGAMER.COM aufgegriffen worden ist, beruht auf Interviews, die mit 24 Mitarbeiter:innen durchgeführt wurden. Diese offenbarten eine hochgradig toxische Arbeitsatmosphäre bei allen drei Studios. Der Mountains-Gründer Ken Wong etwa sei ein manipulativer und „emotional missbräuchlicher“ Manager, der konstant die Arbeit seiner Angestellten herabwürdige, oftmals mit der Konsequenz, dass diese ihre eigenen Fähigkeiten und ihre Expertise hinterfragen.

„Das war nicht einfach jemand, mit dem ich nicht klar kam“, sagte etwa ein Mitarbeiter, „(…) das war nicht einfach nur ein ‚mieser Job‘ (…) Das war eine, so denke ich, extrem grausame Person in einer Machtposition, die es liebte, andere zu erniedrigen, um sich selbst besser zu fühlen.“

Offenbar war die Lage beim Mountains-Entwicklerteam so derartig angespannt, dass das Studio 2020 eine Auflage anordnete, wonach jede:r Mitarbeiter:in ein Vier-Augen Gespräch mit Ken Wong verweigern durfte, wenn dieser die Grenzen übertreten würde. Es wurde sogar ein Safe-Word vereinbart – „Pause“ würde jede Konversation auf der Stelle beenden. Es wirkt beinahe absurd, dass so eine Regelung vonnöten ist.

Robin Hunicke von Funomena wurden ganz ähnliche Dinge vorgeworfen. Die Video Game Designerin  wurde als „emotional missbräuchlich“ beschrieben und als jemand, die regelmäßig private Informationen über ihre Mitarbeiter:innen „in einer Weise ausnutzte, die entweder erniedrigend oder vollkommen unprofessionell sei“, hieß es vonseiten früherer Angestellter.

Ein früherer Kollege von Hunicke an der University of California, Santa Cruz twitterte nach der Veröffentlichung des Berichts über seine eigenen Erfahrungen mit ihr und attestierte ihr dasselbe jahrelange missbräuchliche Verhalten gegenüber ihm und anderen während der Zeit an der UCSC.

 

Die Vorwürfe gegenüber Fullbright-Mitbegründer Steve Gaynor wurden bereits 2021 offengelegt. Auch hier wurde eine toxische Arbeitskultur vorgeworfen – Gaynor soll sich nach den Erfolgen von Gone Home und Tacoma in egomanischer Weise als Verkörperung des Studios betrachtet haben. Ihm wurden kontrollsüchtige und herabsetzende Umgangsformen attestiert, die nicht wenige Mitarbeiter weggetrieben haben sollen. Während der ursprüngliche Bericht explizit betonte, dass Gaynor nicht sexuell oder sexistisch ausfällig wurde, so wurden gerade auch die weiblichen Kollegen in besonderem Maße herabgesetzt. Im Zuge dieser Vorwürfe ist er als Creative Lead und Manager zurückgetreten. Warum Fullbright dennoch in der Liste von People Make Games auftaucht liegt primär in der Kommunikation des Studios begründet. Die Arbeitnehmer:innen des Studios bemängeln, dass die Vorwürfe erst sehr viel später publik gemacht wurden als vereinbart, da eine versprochene Stellungnahme des Studios ausblieb. Man vermutete, dass Gaynor stillschweigend in Alibi-Manier an eine andere Stelle versetzt wird und das toxische Klima sich abermals ausbreitet und für ähnliche Probleme sorgt wie zuvor. Deshalb wendete man sich an die Presse und forcierte damit die Stellungnahme vonseiten der Fullbright Direktion.

Es gibt ein Bindeglied zwischen diesen drei Indie-Studios und zwar den gemeinsamen Publisher Annapurna Interactive. Während der Bericht zwar anerkennt, dass Annapurna nur limitiert Einfluss auf die Studio-Belange hat, fühlen sich viele der betroffenen Mitarbeiter:innen dennoch nicht ernst genommen. So sagte man, die Gespräche zum Betriebsklima seien eher vom Interesse des Publishers geprägt gewesen, die Entwicklungsprozesse voranzutreiben, statt sich konstruktiv mit den Arbeitsverhältnissen auseinanderzusetzen. Dazu passt, dass auch von Annapurna kaum Reaktionen auf das forcierte Fullbright-Statement kamen.

EMOTIONALER MISSBRAUCH AUCH BEI DEN ÖSTERREICHISCHEN MOON STUDIOS 

Die österreichischen Moon Studios sind für ihre grandiosen Ori-Spiele bekannt: Ori and the Blind Forest und der Nachfolger Ori and the Will of the Wisps sind wunderschöne, märchenhafte Plattformer. Die Arbeitsatmosphäre bei den in Wien beheimateten Moon Studios scheint allerdings alles andere als märchenhaft zu sein. Im Bericht von VentureBeat wird das Umfeld als „unterdrückend“ bezeichnet. Grund seien auch hier die beiden Gründer Thomas Mahler und Gennadiy Korol, die einerseits überkritisch seien, aber auch oftmals unprofessionell, beleidigend und sexistisch aufgetreten sind. Thomas Mahler soll etwa des öfteren antisemitische Witze in firmeninternen Chats geäußert haben, aber auch über Penis-Größen wurde diskutiert. Das Ganze sei zwar meist klar erkennbar als Witz gekennzeichnet, der Umgangston sei aber rau. Ein Entwickler sprach davon, dass die Probleme für sich genommen klein erscheinen könnten, gehäuft aber würden sie durchaus belastend wirken. „Ich kann, für mich persönlich, sagen, dass ich ziemlich durch war, nachdem wir abgeschlossen hatten [mit der Entwicklung] (…) Ich fühlte mich bis zu diesem Zeitpunkt nie niedergeschlagen oder deprimiert. Ich habe meine ganze Leidenschaft für diesen Job verloren, weil sie sie aus mir rausgehämmert haben.“

Moon Studios reagierten mit folgender Stellungnahme

Wir glauben weder, dass diese Erfahrungen repräsentativ für die mehr als 80 Team-Mitglieder von Moon Studios sind, die jeden Tag großartige Arbeit leisten, noch dass sie repräsentativ für die Erfahrungen früherer Mitglieder unseres Team sind. Wir sind sehr stolz auf unsere Geschichte, Menschen glücklich zu machen, ihre Karriere voranzutreiben und zu ihrem finanziellen Erfolg beizutragen.

Zu den Vorwürfen des Antisemitismus heißt es:

Abschließend erkennen wir die Ironie, dass wir – ein österreichischer und israelischer Jude – dieses multikulturelle Unternehmen gestartet haben. Wir sehen einander als Brüder. Und wie Brüder streiten und necken wir uns häufig gegenseitig. Wir haben Witze auf unsere eigenen Kosten über unsere unterschiedlichen Hintergründe gemacht – und da mag es vorgekommen sein, dass unsere Witzeleien gefühllos rübergekommen sind und andere Personen sich unbehaglich gefühlt haben.

Microsoft reagierte auf diese Vorwürfe mit einer Aufkündigung der Zusammenarbeit. Die bisherigen Ori-Titel sind unter dem Label Microsoft Game Studios erschienen. Offenbar war die Zusammenarbeit zwischen Moon Studios und Microsoft schon länger konfliktbelastet. Es seien oft Deadlines verpasst worden, die zu Releaseverschiebungen geführt haben. Im Team habe es oft die Angst gegeben, dass Microsoft den Geldhahn zudrehen könnte. Dieser Druck wurde häufig auf die Mitarbeiter:innen abgewälzt. Und auch Microsoft scheint von diesem Arbeitsklima Bescheid gewusst zu haben, konnte aber zugunsten vertraglicher Verpflichtungen der Belegschaft nicht weiter helfen.

Das neue Projekt (Projektname Forsaken) wird demnach nicht mehr unter dem Microsoft-Label erscheinen sondern stattdessen über die Take Two-Tochter Private Division veröffentlicht.