Comic Review: Peer Meter, David von Bassewitz – Vasmers Bruder – Finstere True Crime für Leseratten mit Nachttischlampe

Karl Denke ist ein ziemlich seltsamer Fall. Der verschrobene Eigenbrötler tötete im Schlesien des frühen 20. Jahrhunderts rund 30 Menschen und verarbeitete sie nicht nur zu Fleisch, sondern auch zu Werkzeug, wie Gürteln und Schnürsenkeln. Klingt nach Ed Gein, der Ikone der True Crime Welt, und ist somit für den Autor Peer Meter eine dankenswerte Grundlage für seine Serienmörder Reihe. Ob „Vasmers Bruder“ qualitativ nahtlos „Haarmann“ (2010) und „Gift“ (2010) anschließt, erfahrt ihr in unserer Rezension!

Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein

Bisschen großspurig seine Rezension mit einem Nietzsche-Zitat zu beginnen, aber zum einen beginnt so auch der Comic und es passt halt einfach. Außerdem kann ich euch beruhigen, wie genau man Nietzsche schreibt musste ich natürlich nochmal nachgucken. Und irgendwie sind wir da genau im Thema: Dem Wahnsinn der Gegenwart. Anders als bei seinen Vorgängerwerken liegt bei „Vasmers Bruder“ nicht der Serienmörder selbst und seine Gegenwart im Vordergrund, sondern der titelgebende Vasmer und sein Bruder. Karl Denke selbst gibt dem Setting eine Grundlage, bleibt aber im Hintergrund und ist quasi nur das Vehikel, um die Geschichte zu erzählen. Das mag echten True Crime-Fans etwas sauer aufstoßen, aber wird so dem Charakter des Mörders gerechter, als es jede Darstellung tun könnte. Denn während seines Lebens war er unscheinbar und wurde von seinen Nachbarn als verschroben, aber harmlos eingeschätzt. So sehr, dass seine 30 Morde erst deutlich später aufgeklärt werden konnten, nicht zuletzt, weil die Mitbewohner im Haus Denke schlicht für zu harmlos und langweilig gehalten haben, um wirklich als Täter in Frage zu kommen. Ebenso wurde er in der Folge fast vergessen, denn zu einem Gerichtsprozess musste es nie kommen, da sich der Mörder Denke fast direkt im Anschluss an seine Festnahme suizidierte und so wenig Greifbares für eine „Legacy“ hinterließ, wie sie die amerikanischen Größen der Serienmörderwelt teilweise selbst kultivierten. Und genau das ist eigentlich der Aufhänger für die Handlung.

Nicht alle Panels in Vasmers Bruder sind düster, aber wohlig wird es da wohl keinem ums Herz. © Carlsen

Nicht alle Panels in Vasmers Bruder sind düster, aber wohlig wird es da wohl keinem ums Herz. © Carlsen

True Crime: Nur Wahres gibt Bares?

Die Handlung von Vasmers Bruder spielt nämlich in der heutigen Gegenwart. Das in Denkes Zeit noch deutschsprechende Schlesien ist jetzt Teil von Polen und knapp 100 Jahre später ist von der Ursprungskulisse natürlich nicht mehr viel übrig. Aber immerhin irgendwas muss ja noch da sein, sonst gäbe es für True Crime-Fans in Ziebice, dem heutigen Münsterberg,  nichts zu suchen. Das zumindest muss Vasmers Bruder sich auch gedacht haben, denn der Dokumentarfilmer wollte direkt vor Ort Denkes dunkle Denke erforschen. Und weil die Story sonst keine wäre, geht der Bruder verschütt und muss kurzerhand von Vasmer selbst ausfindig gemacht werden. Der macht sich auf in die heutige polnische Stadt und muss dort die Spuren zusammenklauben, die er im Mistwetter, der Sprachbarriere und den spärlichen Hinweisen zu Denkes Vergangenheit noch finden kann. Denke selber tritt nur gelegentlich in Flashbacks auf, das eigentliche Thema ist der erstaunlich unverbrauchte Umgang mit True Crime und der Frage danach, wieso Menschen sich so sehr für Mörder und Monster interessieren und was folgt, wenn die Grenzen zwischen Fiktion und Wahrheit verschwimmen. Die Atmosphäre ist dabei durchgehend erdrückend, was nicht nur an den genialen Zeichnungen liegt, sondern auch im Handwerk des Autors begründet ist. Die Sprachbarriere, Vasmer spricht beispielsweise kein polnisch, lässt seine neue Umgebung total fremd wirken und ehrlich gesagt fühlt man sich auch nicht wohler, wenn man die Sprache versteht. Es ergeben sich dadurch übrigens auch keine Eastereggs oder sonstige potentielle Spoiler, als Muttersprachler find ich das gleichzeitig schön für jeden, der kein polnisch kann, andererseits fänd ich’s ganz subjektiv auch witzig. Naja, aber für Humor ist im ganzen Comic kein Platz. Dafür aber für eine Menge Metaphorik und Details, aber dazu mehr im folgenden Abschnitt, der die darstellerische Leistung  unter die Lupe nimmt.

Die Künstler wissen perfekt, wie man Horrorstimmung aufkommen lässt. Das Gefühl von Fremde wird durch die polnische Sprache sicherlich verstärkt. © Carlsen

Die Künstler wissen perfekt, wie man Horrorstimmung aufkommen lässt. Das Gefühl von Fremde wird durch die polnische Sprache sicherlich verstärkt. © Carlsen

Das Zerlegen von Menschen mit Säge und Kohlestift

Vasmers Bruder hat einen total eigenen Stil, das fällt sofort auf. Die Zeichnungen sind zwar das Graphic Novel Debüt des Künstlers David von Bassewitz, er muss aber ein routinierter Illustrator sein, denn er hat es sich bei seinem Erstlingswerk gar nicht einfach gemacht. Die Zeichnungen sind durchgehend in einem Stil gehalten, der vermutlich mit Kohle oder Pastellkreide angefertigt wurde und trotzdem in seiner monochromen Farbgebung absolut lebendig wirkt. Die Bilder sind gewaltig und morbide, passen also genau in die Stimmung, die Peter Meer erzeugen möchte. Der Stil ist dabei sehr realistisch und erwachsen, verzichtet aber zeitgleich auf Goreelemente. Die Horrorstimmung wird aber erhalten durch die Ikonographie, Schatten spielen dabei eine große Rolle, egal ob sie das Licht in ein ominöses Kreuz baden oder auf Vasmers schockiertes Gesicht fallen, wenn er auf Leichenteile trifft. Die konsequente Dunkelheit in David von Bassewitz’ Kompositionen führt jedoch mitunter dazu, dass Details nahezu vollständig verschwinden.

Horror geht auch ohne Gore! Das zeigt der Kohle-dominierte Zeichenstil von David von Bassewitz ganz hervorragend. © Carlsen

Horror geht auch ohne Gore! Das zeigt der Kohle-dominierte Zeichenstil von David von Bassewitz ganz hervorragend. © Carlsen

Fazit:

Silent Hill in Schlesien: Bei wem das keine Neugier auslöst, der ist hier sicherlich falsch; wird man hingegen aufmerksam, dann wird man mit dem Werk von Peer Meters & David von Bassewitz einen stimmigen Psychothriller mit True Crime-Bezug bekommen! Vasmers Bruder ist gewissermaßen eine erdrückendes Reflexion über den Umgang mit Gewaltverbrechen und Serienmördern in der Popkultur und vermag es Horror und tiefsitzendes Unwohlsein zu provozieren, ohne je explizit zu werden. Klare Empfehlung!

Bei Amazon bestellen: 

Vasmers Bruder von Peer Meter und David von Bassewitz 

ISBN-13 978-3551729699 ISBN-10 9783551729699

Umfang: 176 Seiten

Maße: 17.5 x 1.9 x 24.6 cm

Hardcover

Preis: EUR 17,90, erschienen bei Carlsen! Bei Amazon derzeit nur im Antiquariat erhältlich.

Fazit

Story - 8.5
Charaktere - 7
Illustration - 8.5
Umfang - 8
Lesespaß - 8.5

8.1

Silent Hill in Schlesien: Bei wem das keine Neugier auslöst, der ist hier sicherlich falsch; wird man hingegen aufmerksam, dann wird man mit dem Werk von Peer Meters & David von Bassewitz einen stimmigen Psychothriller mit Truecrime-Bezug bekommen!

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