Ich bin ja ziemlich großer Fan der sechsteiligen, hochgradig popkulturgetränkten Scott Pilgrim-Comicreihe des Kanadiers Bryan Lee O’Malley, die zwischen 2004 und 2010 erschien und die kultige Edgar Wright-Verfilmung von 2010 mit Michael Cera in der Hauptrolle nach sich zog. Da sich nerdige Referenzen auf die Arcade-Kultur ohnehin durch die ganze Vorlage zogen, lag es nahe, dass im selben Jahr auch eine Videospiel-Umsetzung erschien. Scott Pilgrim vs. The World: The Game wurde von Ubisoft Montreal entwickelt, erschien damals für PlayStation 3 und Xbox360 und konnte ebenfalls eine große Fanbase generieren. Die war umso empörter, als das Beat ‚em‘ Up aufgrund von Lizenzierungsproblemen 2014 aus den Stores verschwand. 2021 konnten diese aber ausgeräumt werden und eine „Complete Edition“ wurde neu aufgelegt.
Kleiner Time Skip ins Jahr 2025: In der Zwischenzeit hat sich in Montreal das Indie-Studio Tribute Games formiert, die u.a. aus Ex-Ubisoft-Mitarbeiter*innen bestehen, die seinerzeit am o.g. Titel arbeiteten. Scott Pilgrim erfährt eine kleine Renaissance: Netflix hat eine hübsche Begleit-Animationsserie namens „Scott Pilgrim Takes Off“ (im Deutschen „Scott Pilgrim hebt ab“) veröffentlicht und Tribute Games arbeiten an einem waschechten Sequel zum Lizenz-Brawler.
Wir, meine Kollegin Aljona und ich, hatten auf der Gamescom 2025 einen Hands-On Einblick in Scott Pilgrim EX erhalten. Hier unsere etwas verspätete Preview, die tiefergehende Impressionen vom 2026 erscheinenden Side Scroll-Prügler liefern soll. And here we are!
Retro-Prügler und ausgewachsenes Adventure
In die Story konnten wir während unserer rund halbstündigen Session natürlich nicht im Detail einsteigen. Tribute Games erzählen eine eigenständige Geschichte, die sich weder an den Ur-Comics, noch an der Netflix-Serie orientiert. Es verschlägt uns natürlich an den Trademark-Schauplatz Toronto und doch ist nichts, wie es scheint. Denn Raum und Zeit sind außer Kontrolle geraten und hinterlassen die kanadische Metropole merkwürdig fragmentiert. Das bekannte Figurentableau der IP – der namensgebende Slacker Scott Pilgrim, seine Angebetete Ramona Flowers sowie fünf weitere Figuren – sehen sich mit diesem Wirrwarr konfrontiert. Aufgrund des Embargos durften wir zum Messe-Zeitpunkt noch nicht die neuen Charaktere vorstellen, mittlerweile wurden sie offiziell vorgestellt: So wurden auf der Gamescom erstmalig Lucas Lee und Roxie Richter als spielbare Charaktere vorgestellt, die im Comic/Film bekanntlich noch zu der Antagonistenriege der „sieben bösen Exen“ gehörten.

Die liebevolle Pixel Optik mit den wunderbar animierten, großen Sprites ist ein Hingucker und passt zur Comic-Vorlage © Tribute Games
Die Spielmechanik bleibt den retroesken Brawler-Wurzeln treu: Die Wahl unserer Spielfigur bedingt unseren Kampfstil, unser Moveset, unsere Spezialattacken und unser Repertoire an möglichen Combos – von links und rechts nahen allerlei Widersacher, die uns ans Leder wollen. Die Mechanik ist überraschend tiefgehend: Es gibt komplexe Angriffsmuster, Ausweichoptionen und besonders verheerende Angriffe. Wir haben die Demo auf dem leichtesten Schwierigkeitsgrad im Koop gespielt und haben uns, zugegeben, nicht immer ganz smart angestellt. Zur Verteidigung: Meine Kollegin Aljona hat eher selten ein Gamepad in der Hand und hat sich, unter Anleitung, ziemlich wacker geschlagen. Auf diese Weise konnten wir aber dennoch konkrete Aspekte des kooperativen Gameplays unter die Lupe nehmen:
So gibt es in den Levels überall Shops, wo wir zusätzliche Ressourcen erwerben können, etwa ausrüstbare Items, die wir dann auch direkt anlegen können. Aber auch Nahrungsmittel zur Heilung können hier erworben werden. Spaßiges Feature: Die konkreten Effekte sind zunächst hinter einem „???“ verborgen, erst mit dem Kauf wird klar, was sie konkret bewirken. Mit den Ausrüstungen sind viele durchaus experimentelle Builds möglich. Hier wird zudem ersichtlich, dass wir einen gemeinsamen Geld- und Inventarpool haben. Absprachen sind also zwangsläufig notwendig.

Natürlich sind Scott Pilgrim und Ramona Flowers als spielbare Charaktere mit an Bord, aber auch ursprüngliche Antagonisten wie Lucas Lee und Roxie Richter © Tribute Games
Während der Quasi-Vorgänger noch ein eher lineares Game war, ist bei Scott Pilgrim EX die Adventure-Komponente deutlich stärker ausgeprägt: Die Welt ist trotz 2D Side Scroller-Perspektive offen – wir können auf der Karte nachschauen, wie die Areale jeweils miteinander verbunden sind. Überall warten Secrets, Mini Games (die zuweilen Anspielungen auf andere bekannte Videospiele sind) und Side Quests, die uns final natürlich stärker machen. Weil manche Areale erst mit bestimmten Fähigkeiten/Items zugänglich sind, ist natürlich zuweilen auch Backtracking notwendig. Ich finde die Mischung aus Action-RPG, kooperativer Brawling-Action aber auch einem Mü Metroidvania ziemlich gelungen und könnt mir vorstellen, dass dadurch auch der Wiederspielwert ordentlich steigt. Dadurch wirkt Scott Pilgrim EX aber auch wie Titel, der die Fans des Originals anspricht, sich aber insgesamt deutlich größer anfühlt.
Zur Inszenierung: Wir treffen überall aus den Comics bekannte Figuren als NPCs – etwa die dauergrimmige Julie Powers, die im Film kongenial von Audrey Plaza gespielt wurde. Es gibt natürlich keine großen Cut Scenes, aber die Dialogsequenzen sind wohl unter Mithilfe von O’Malley entstanden. Und das glaub ich sofort! Der Humor ist lakonisch und herrlich verschroben, die Charaktere wunderbar spleenig.
Treibende Chiptunes, liebevolle Pixel-Optik
Die liebevolle, knallbunte Pixel-Optik mit den hübsch animierten Sprites war schon beim ersten Spiel ein ziemliches Highlight. Und Scott Pilgrim EX treibt das Ganze nochmal auf die Spitze. Die Comic-Wurzeln sind jederzeit spürbar. Das Pixel-Toronto sieht wahnsinnig charmant aus, egal ob wir nun durch schnöde Vorstadt-Areale oder durch feine Sandstrände am Lake Ontario laufen. Jedes Areal ist vollgestopft mit witzig-skurrilen Details, die den Geist der Comic-Vorlage atmen.

Die Spielwelt ist vollgestopft mit witzigen Referenzen – die Speicherpunkte erinnern nicht zufällig an jene aus den Sonic the Hedgehog-Spielen für das Mega Drive © Tribute Games
Selbiges gilt für den Sountrack: Der ist natürlich stilecht im indiesken Chiptune-Genre verwurzelt und stammt von der New Yorker Band Anamanaguchi. Die sind keine Unbekannten: Ubisoft hatte sie anno dazumal schon für den Soundtrack des Vorgänger-Spiels verpflichtet und auch bei der Netflix-Serie haben sie den Soundtrack beigesteuert. Nerdiger Frickelfaktor trifft hier auf Indie-Sleaze und passt ganz hervorragend zur Atmosphäre des Spiels.
Welche Koop-Möglichkeiten gibt es?
Die unterstützten Koop-Formate sind ziemlich flexibel: Scott Pilgrim EX lässt sich als Couch- oder Online-Koop spielen, mit bis zu vier Spieler*innen, die jeweils joinen können. Je mehr Spieler*innen mit an Bord sind, desto strategischer wird das Ding naturgemäß und desto mehr Absprachen sind notwendig.
Fazit:
Ich glaube, Scott Pilgrim EX wird ganz hervorragend und ich freue mich ziemlich auf das Spiel. Die retroeske Side Scrolling-Action wird wunderbar um eine weitläufige und ambitionierte Adventure-Komponente ergänzt. Die kooperative Brawler-Mechanik sieht zwar auf dem Bildschirm chaotisch aus, zeichnet sich aber durch eine bemerkenswerte Komplexität aus. Und auch audiovisuell überzeugt das Ding mit seiner knuffigen Optik und dem schönen Indie-Chiptune Soundtrack von Anamanaguchi. Bei der Demo auf der Gamescom haben wir uns zwar nicht super smart angestellt, aber das Gezeigte hat dennoch viel Freude bereitet. Wie gesagt, ich freu mich drauf!
Scott Pilgrim EX erscheint 2026 für PC, Xbox Series S|X, Nintendo Switch, PlayStation 4|5 – Ein konkreter Veröffentlichungstermin ist noch nicht bekanntgegeben worden.
An dieser Stelle herlichen Dank an Cosmocover für die Einladung zum Anspieltermin!











